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Rede Dr. Andreas Kranebitter bei der Gedenkfeier 2026

Die kleine und die große Geschichte
Jeder Ort Österreichs hat seine spezifische Geschichte. Jeder Ort trägt an seinem jeweils eigenen nationalsozialistischen Erbe. Oft, sehr oft ist dieses Erbe in Österreich mit bekannteren und unbekannteren NS-Verbrechen verbunden. Das ist gewissermaßen ortsüblich, weil in allen Orten üblich. Selten aber steht ein Ort wohl für so viele Tabus der Nachkriegszeit auf einmal wie St. Pantaleon.
Von den „Arbeitserziehungslagern“ wie dem hiesigen war angesichts ihrer monströseren großen Brüder im Universum der Zwangslager, der Konzentrations- und Vernichtungslager, nach 1945 nie mehr die Rede. Genauso wenig sprach man von den dort Eingesperrten, den als „asozial“ Diffamierten. Das gleiche gilt für die „Zigeuneranhaltelager“ wie das ebenfalls hiesige und für die in ihnen eingeschlossenen Roma:Romnja und Sinti:zze, ihrer Deportation nach Lackenbach und weiter ins „Ghetto Litzmannstadt“, und ihrer Ermordung. Und auch die Institutionen hinter alldem verschwanden aus der öffentlichen Wahrnehmung – die SA-Gruppe Alpenland hinter der SS, die Kriminalpolizei hinter der Geheimen Staatspolizei.
In der Nachkriegszeit gelang es all den hier tätigen Tätern also, sozusagen diskursiv zu verschwinden. Die nationalsozialistischen Verbrechen waren die Verbrechen der anderen, an anderen Orten, an anderen Opfern.

„…durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet“.
Es sind immer die konkreten lokalen Verhältnisse, die zeigen, wie groß die Handlungsspielräume waren. Die große Geschichte schuf die Bedingungen für die kleine. Die angeblich „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“, der zehntausende Menschen zum Opfer fielen, basierte zum Beispiel auf einem Runderlass vom Dezember 1937. Er war Grundlage für die „Zigeunerverfolgung“, nach ihm konnten Vorbestrafte als „Berufsverbrecher“ in KZ deportiert werden, aber auch jeder, der „durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet“ – was das aber bedeuten sollte, war der Kriminalpolizei überlassen. Gesetze und Erlasse waren Ermächtigungen lokaler Behörden und Eliten zum Grausamsein.
Davon erzählen Ludwig Lahers Bücher, etwa Herzfleischentartung. Von den Bürgermeistern, die von der Verpachtung des Lagergeländes profitieren, den Gemeinderäten, die im Wirtshaus die „Schwarzhörer“ denunzieren, den Misshandlungen der Opfer in aller Öffentlichkeit. Davon erzählen zahlreiche Quellen. In Vorarlberg beschwerte sich der dortige Landkreis Bludenz etwa darüber, dass die Entfesselung nicht weit genug ging: „Der Begriff ‚Asozialer‘ ist nach Ansicht der im Gegenstande mit der Durchführung der Erhebungen betrauten Personen wie auch vielfach der übrigen Bevölkerung viel zu eng gezogen.“ Er machte weitere Vorschläge, welche Personengruppen unbedingt noch in Haft genommen werden sollten.
Es waren lokale Akteure, denen sogar noch die mörderischen Kriminalpolizeistellen zu lax waren. Dem Denunziantentum war in der sozialrassistischen Verfolgung von Armut und Kriminalität Tür und Tor geöffnet – Gesundheitsämter, Arbeitsämter, Fürsorgeeinrichtungen, Wohlfahrtsämter, psychiatrische Einrichtungen, Gerichte und Polizeistellen denunzierten arbeitsteilig, immer zulasten der Opfer.
Mit gnadenloser Härte sollten jene, die aus ideologischen Gründen oder ökonomischem Kalkül nicht Teil der „Volksgemeinschaft“ als Leistungsgemeinschaft sein sollten, weggesperrt und ausgebeutet – oder sogar „ausgemerzt“ werden, wie das in der NS-Sprache hieß. Wir reden von Abertausenden in ganz Österreich

Die Nachgeschichte als Teil der Geschichte
Das Verschwinden, Verdecken und Verleugnen dieser Verfolgungsinstanzen bedeutete für ihre Opfer, dass sie nicht als Opfer anerkannt wurden. In Österreich galt seit 1945 ein Opferfürsorgegesetz – das also schon im Titel nach Almosencharakter klingt, nicht nach Rechtsanspruch. Und dieses Gesetz wurde von Anfang an so eng gezogen und rigoros gehandhabt wie möglich. Zwei Jahre lang galten alle „rassisch“ Verfolgten, auch Jüdinnen und Juden, als „passiv zu Schaden gekommene Österreicher“, die zu warten hätten. Ins Exil vertriebene wurden mit ihren Ansprüchen an die BRD verwiesen, politische NS-Gegner traktiert, wenn sie ungetilgte politische Vortrafen oder keine Parteimitgliedschaft vorzuweisen hatten. Romn:ja und Sinti:zze wurden nicht in die Opferfürsorge einbezogen, weil sie angeblich nur in „Familienlagern“ eingesperrt gewesen waren. Das Anhaltelager Lackenbach galt den Behörden nicht als Zwangslager, wenn sie schrieben, dass die dort „untergebrachten Personen keineswegs wie Häftlinge gehalten wurden“.
Damit hat die nunmehr österreichische Verwaltung die NS-Opfer ein zweites Mal gedemütigt. Erst im Jahre 1961, 16 Jahre nach Kriegsende, erhielten die „Lackenbacher“ Entschädigungen, allerdings der Höhe nach nur die Hälfte des Betrages anderer. Es dauerte bis 1988, bis Lackenbach anderen Zwangslagern gleichgestellt wurde. Es dauerte bis 1995, als Opfer der Medizinverbrechen und auch Roma:Romnja und Sinti:zze als NS-Opfer anerkannt wurden. Es dauerte bis 2005, als die Opfer der Militärjustiz, Homosexuelle oder als „asozial“ Stigmatisierte nach diesem Gesetz anerkannt wurden. Es dauerte bis 2024, bis zur beinahe 70. Novelle dieses wohl meistnovellierten Gesetzes der Republik Österreich, als endlich der Vorstrafenparagraf fiel, der Menschen mit Eintragungen im Strafregister als opferunwürdig erachtete.
All das waren wichtige Symbole – für Tausende Opfer und ihre Angehörige kamen diese Novellen allerdings zu spät.

Waldheim und die Folgen
Dass es überhaupt Novellen gab, hat mit Kämpfen von unten zu tun, die die Anerkennung von Opfergruppe um Opfergruppe einfordern mussten. Und geschichtspolitischen Zäsuren wie der Waldheim-Affäre. Waldheim war tatsächlich ein „unfreiwilliger Erneuerer“, wie ihn damals jemand nannte, die Affäre hatte vieles zum Besseren verändert – aber weniger in der Benennung aller Opfer, die man mit der Opferthese zu ignorieren begann, als in der Sichtbarmachung der vielen Facetten von Täter- und Mittäterschaft. Auch das dauerte seine Zeit. Erst musste in der Wehrmachtsausstellung der Mythos der „sauberen“ Wehrmacht zerstört werden – denn die Wehrmacht war tief in den Holocaust verstrickt –, dann der Mythos Gestapo – denn sie wurde oft auf Zuruf und Denunziation aus dem Volk tätig, war also mitten in der Gesellschaft und nicht die mythisch-allmächtige Alleinherrscherin im luftleeren Raum.
Erst ab den späten 1980er-Jahren bröckelte auch der Mythos der unschuldigen Kriminalpolizei. Doch erst in den letzten Jahren finden Wissenschaftler:innen wie Angehörige Stimme und Gehör. Erst seit kurzem werden Gedenkstätten von Familien angeschrieben und stehen ihnen Rede und Antwort, müssen ihre eigenen Darstellungen hinterfragen. Nach fast jeder Veranstaltung, in der ich über die Opfer der Kriminalpolizei spreche, kommt jemand auf mich zu und erzählt mir seine Familiengeschichte, oft wird sie zum ersten Mal ausgesprochen.
Viel Scham trifft hier auf wenig Angebot von gedenkpolitischer Seite, wie Menschen mit dieser Geschichte umgehen können, wenn es kein kollektives Gedächtnis gibt, sondern Opferausschluss und Täter-Opfer-Umkehr.

Heutige Herausforderungen
Viel hat sich also getan in den letzten Jahren und Jahrzehnten, viel hat sich – haben wir alle! – zum Besseren verändert. Ist gedenkpolitisch betrachtet also alles erledigt? Ist alles gut? Die Antwort lautet nein.
Wir sind verleitet, die Geschichte als Fortschrittsgeschichte zu erzählen. Ressentiments gegen Minderheiten, ausgrenzender Rassismus, Roma- und Romnjafeindlichkeit und Antisemitismus, Klassismus und soziale Ausgrenzung, blieben nicht nur immer bestehen, sondern sind heute wieder im Steigen begriffen. Das zeigt die öffentliche Debatte, das zeigen nüchterne Zahlen.
Eine Umfrage nach der anderen zeigt, dass das Wissen über die Verbrechen der Nazis über alle Generationen hinweg abnimmt, dass die Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nachlässt – auch, weil von rechtsextremer Seite als „Schuldkult“ diffamiert –, dass das Vertrauen in demokratische Institutionen und die Wissenschaft schwindet und dass die großen Möglichkeiten, die künstliche Intelligenz bietet, auf abnehmende Fähigkeiten trifft, Wahrheit von Fake News zu unterscheiden. Wer angeblich nichts mehr glauben kann, glaubt alles.
In einer Situation wie dieser gewinnen Verschwörungstheorien und Abwertungsphantasien an Boden.
Wir dürfen angesichts dieser enormen Herausforderungen aber nicht verzweifeln, sondern müssen mit doppeltem Einsatz die Wahrheiten recherchieren und die Geschichten erzählen. Wissen alleine wird Verschwörungsmythen nicht entlarven, aber Wissen ist die unerlässliche Basis dafür, Desinformationskampagnen in die Schranken zu weisen.
Mehr denn je gilt also, dass wir auf solchen Gedenkfeiern wie heute nicht nur vergangenen Verbrechen und die Erinnerung an ihre Opfer ansprechen müssen, sondern auch die Warnung vor der gegenwärtigen und zukünftig erwartbaren Abwertung und Ausgrenzung verschiedener Gruppen.
Zu unserem „nie wieder!“ und „niemals vergessen!“ sollte sich also ein „Jetzt erst recht!“ gesellen.

 

27. Gedenkfeier für die Opfer der beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon
am Samstag, 27. Juni 2026 um 18 Uhr
an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon, Moosachstraße

Hauptrede: Andreas Kranebitter

Wie auch die Geschichte des Lagers Weyer-St. Pantaleon beweist, brachten die Nationalsozialisten viele Menschen um, die fälschlich als asozial oder arbeitsscheu abgestempelt wurden. Ähnlich verhält es sich mit der Opfergruppe der sogenannten Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher. Allein in der Nacht des 14. Juni 1938 wurden im gesamten ehemaligen Österreich mehrere hundert Männer ohne aktuellen Tatverdacht in „Vorbeugungshaft“ genommen. Großteils in Konzentrationslager verbracht, starben viele von ihnen einen grausamen Tod.
Ein neues, ebenso erhellendes wie berührendes Buch widmet sich einem dieser Häftlinge, dem Linzer Josef Finster. Seine Großnichte, die Soziologin Waltraud Kannonier-Finster hat es gemeinsam mit Meinrad Ziegler verfasst. In der Familie kursierte zwar das Gerücht, dieser Josef sei 1938 im KZ Dachau erschossen worden, aber niemand schien mehr zu wissen oder wissen zu wollen.
Josef Finster hat eine Familie gegründet und sich seit 1933, als er 15 Stunden Arrest absaß, nichts mehr zuschulden kommen lassen. Auch vorher hatte er lediglich ein paar kurze Arreststrafen wegen kleiner Delikte – Diebstahl minderer Art, Vorenthaltung von Gütern, Veruntreuung – in der Zeit der großen Arbeitslosigkeit verbüßt.
Der schmächtige Mann musste im KZ Flossenbürg in Bayern im Steinbruch schuften und starb dort am 30. November 1941 im Alter von 41 Jahren, offiziell an Herzschwäche.

Unmittelbar nach der heurigen Gedenkfeier an der Erinnerungsstätte am 27. Juni stellen die beiden Autoren in der Aula der Mittelschule, Am Kuglberg 12, das Buch „Josef Finster. Eine Recherche“ vor. Ludwig Laher wird als lokalen Parallelfall die Geschichte des Fritz Gmeilbauer nachzeichnen, der 1938 vom Gemeinderat St. Pantaleon ins KZ Dachau eingewiesen wurde und in Mauthausen starb. Im anschließenden Gespräch, an dem auch Andreas Kranebitter, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes teilnimmt, wird es auch um die Lehren gehen, die sich für die Gegenwart ziehen lassen, in der die Krise der Demokratie beunruhigende Ausmaße annimmt. Die barbarische NS-Herrschaft aus Willkür und gigantischen Lügengebäuden scheint gerade viele junge Leute nicht mehr davon abzuschrecken, rechtsextremem Gedankengut anzuhängen.

Stolpersteinenthüllung für Lageropfer Peter Horvath in Vorchdorf am Sonntag, 28. September 2025 um 11:30 Uhr

Am 28. September wird in Vorchdorf ein symbolischer Stolperstein für einen der Burgenlandroma-Zwangsarbeiter enthüllt werden, die um 1940 zuerst unter schrecklichen Bedingungen beim Reichsautobahnbau (Brücke Vorchdorf) und dann bei der Entwässerung des Ibmer Moores ausgebeutet wurden. Peter Horvath und seine Schicksalsgenossen waren zuerst in Vorchdorf (Lager Almtal und Quartier am Schloß platz), dann im „Zigeuneranhaltelager“ Weyer-St. Pantaleon interniert. Schließlich wurden sie ins besetzte Polen deportiert und dort umgebracht.
Diese Geschehnisse konnten durch Ludwig Laher und Bruno Schernhammer erst jüngst erforscht werden und sind ein weiterer Beweis dafür, dass die üblen Behauptungen, die Autobahnen wären dem Hitler-Regime als Pluspunkt anzurechnen, zynische Propaganda sind. Von Leidensort zu Leidensort wurden die Bedauernswerten wahrscheinlich mit der Bahn transportiert. Deshalb beginnt die Veranstaltung am 28. September mit einer Bahnfahrt von Lambach (ab 10:50 Uhr) in einer alten Garnitur, die damals schon in Verwendung stand. Vom Bahnhof Vorchdorf gehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam zu Verlegeort vor dem ehemaligen Quartier am zentralen Schlossplatz, wo um 11:30 Uhr die Enthüllung stattfindet (mit Reden des Bürgermeisters und eines Vertreters des Roma-Service Oberwart). Die musikalische Umrahmung gestaltet Birgit Scalet. Daran schließen sich drei Referate zum Thema im nahen Schloss Hochhaus. Dort besteht auch die Möglichkeit eines (späten) Mittagessens. Diese wohl erste Stolpersteinverlegung im Bezirk Gmunden ist ein wichtiger erinnerungskultureller Schritt, der Bewusstsein schaffen soll. Eine rege Teilnahme würde das doppelt unterstreichen.

Rede BM a. D. Dr. Rudolf Scholten bei der Jubiläumsgedenkfeier 2025

Zuallererst gratuliere ich Ludwig Laher zu seiner herausragenden literarischen, politischen und wissenschaftlichen Arbeit, die vielen erschreckenden, menschlichen Schicksalen zumindest das Überleben in der Erinnerung gerettet hat. Er wird sich jetzt denken, gratulieren, sei dafür das falsche Wort, ich meine damit die Verbindung von Bewunderung und Dankbarkeit, die man für den mutigen Lebensretter hat, der Opfern einen Überlebensraum im Gedächtnis unserer Zeit schaffen konnte.

An einem Ort wie hier hört man aus jedem Winkel den Widerhall des flehentlichen „nie wieder“ und mehr als 6o Jahre nach diesem fatalen Höhepunkt des Verlustes jeder Menschlichkeit auf diesem Kontinent müssen wir uns die Frage gefallen lassen, wie wir bisher damit umgegangen sind. Die wohl einzig ehrliche Antwort ist „Nicht gut“ oder zumindest „Nicht gut genug“. Das ist kein Vorwurf an Einzelne, keine ungerechte Verallgemeinerung und vor allem keine wehleidige Selbstbeschuldigung. Es ist die ehrliche Erkenntnis, wenn man sich den sogenannten „Gang der Geschichte“ aufmerksam ansieht.

Mein eigener Vater war Auschwitzüberlebender und ich habe meine ganze Kindheit und danach beobachten müssen, wie hilflos man als Sohn, als jemand, der nie etwas annähernd Entsetzliches erlebt hat, diesen Erinnerungen und Gefühlen gegenübersteht. Es ist uns wohl gelungen noch unseren Kindern, die ihren Großvater gar nicht oder nur als Kleinstkinder erlebt haben, eine unmittelbare Beziehung zu seinem Schicksal zu vermitteln, ich rede jetzt über drei junge Frauen zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig, die unsere Töchter sind.

Ich fürchte, dass in der darauffolgenden Generation diese Erinnerung bereits in das allgemeine Bewusstsein schrecklicher Episoden der Menschheitsgeschichte entrückt ist und die unmittelbare Betroffenheit des Bezugs zu unserem Leben abnimmt, wenn nicht wegfällt. Natürlich gibt es dabei großartige Ausnahmen, Elternbemühen, Schulprojekte oder eine so überzeugende Arbeit, wie die, die hier geleistet wird, aber ich rede vom Grundton unserer Zeit und der Verlässlichkeit des Selbstverständlichen.

Das „Wehret den Anfängen“ steht wie ein aufmerksamer kleiner Bruder neben dem großen „Nie wieder“. Unsere Zeit, die so genau und hellhörig jeder Formulierung gegenübersteht und zum Teil überstrenge Strafen für sprachliche Schlampereien verhängt, neigt allerdings manchmal dazu, das „Wehret den Anfängen“ als übertrieben misstrauisch abzuwehren. Da ich mit einer Ärztin verheiratet bin, ist mir die Warnung vor ungesundem Leben geläufig, nicht jedes ungesunde Verhalten führt zur Krankheit, aber sehr viele Krankheiten haben ihren Beginn bei ungesundem Leben.

So führt nicht jeder leichtsinnige Umgang mit Menschenwürde zur Vernichtung, aber in den allermeisten Fällen, wo gesellschaftliche Veränderungen zu Katastrophen geführt haben, liegt am Beginn der verächtliche Umgang mit Menschenwürde.Es ist leider wahr geworden und unübersehbar, dass wir – und mit „wir“ meine ich unsere Zeit – leichtsinnig damit umgeht, was unsere Gesellschaft gegen jede Form von Faschismus und den Verlust demokratischer Balance zu schützen im Stande ist. Menschenwürde zu beachten ist mehr, als sie nicht zu verletzen, so wie Friede mehr ist, als die Abwesenheit von Krieg und Demokratie mehr bedeutet, als die Abwesenheit von Diktatur.

Unsere Zeit ist nicht zu Unrecht stolz auf technische Entwicklungen, die für die allermeisten von uns in unserer Kindheit bestenfalls in science fiction Geschichten vorhergesehen wurden und doch ist die Mauer vor Menschenverachtung und totalitären Sehnsüchten brüchiger und nicht fester geworden. Reden wir uns dabei nicht auf neue Formen der Kommunikation aus, nach dem Motto „na ja, alles Unheil kommt von Social Media“, ich bin da wahrlich kein guter Verteidiger, aber eines ist sicher: Unrecht ist menschengemacht.

Die Balance zwischen Menschen, die wirtschaftlich sorgenfrei oder zumindest optimistisch in die Zukunft schauen können und jenen, die die wirtschaftlichen Bedingungen des Alltags als belastend erleben oder gar als hoffnungslos, hat sich weiter verschlechtert. Die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems hat sich seit mehr als dreißig Jahren – ich sage gleich selbstkritisch dazu, inklusive meiner eigenen Zeit als Minister – nicht wesentlich verbessert und zugleich verlassen mittlerweile 10 % der Jugendlichen das Bildungssystem ohne jeden Schulabschluss, das ist nach allen Regeln historischer Erfahrung der verzweifelte Nährboden für totalitäre Systeme.

Der Umgang mit Menschen, die aus Verzweiflung auf der Flucht sind, niemand verlässt freiwillig und wohl behütet die Heimat, ist – höflich ausgedrückt - ratlos und jenseits dessen, was Menschlichkeit gebieten würde. Das „wir schaffen das“ von Angela Merkel ist vom optimistischen Symbol des humanitären Engagements zur politischen Karikatur eines angeblichen Fehlers geworden.

Wenn wir nicht die Gründe bekämpfen, die Menschen in Notlagen treiben, ob in unseren eigenen Ländern oder anderswo, machen wir  uns mitschuldig bei jenen Tendenzen der politischen Radikalisierung, die wir dann bei Wahlergebnissen entsetzt analysieren. Dabei ist der entscheidende Punkt, dass Menschen, die sich systematisch benachteiligt fühlen und das zurecht, das glaubwürdige Gefühl bekommen, dass wir ernsthaft zu entscheidenden Verbesserungen ihrer Lage bereit sind. Wenn man bedenkt, welche politische Energie die Maastricht Drohung oder die Unfreundlichkeiten des amerikanischen Präsidenten bewirken, dann kann man sich vorstellen, wie sehr diejenigen von unserem politischen System enttäuscht sind, die dringend Aufmerksamkeit bräuchten. Jene 10 % der Jugendlichen, die Jahr für Jahr den Arbeitsmarkt ohne jeglichen Ausbildungs-Abschluss betreten, für eine positive Haltung zu unseren politischen Werten zu gewinnen ist, ist nur mit sehr konkreten Antworten möglich.

Es ist dabei unverzichtbar und drängend, dass wir das alles mit denen besprechen, die uns aus dem gesellschaftlichen Gleichgewicht verloren zu gehen drohen und nicht nur indem wir uns im geschützten Raum gegenseitig unsere Betroffenheit bestätigen. Die Wahrheit ist nicht nur zumutbar, sie muss auch erzählt werden, und zwar dort, wo sonst für eine andere Wahrheit geworben wird, die unsere demokratischen Prinzipien zur Ursache der Probleme erklärt und autoritäre Gegenmodelle bewirbt.

Wir müssen die Unmittelbarkeit des Leides, das an Orten wie hier im Lager Weyer Menschen im Namen des Faschismus angetan wurde, bei den nachkommenden Generationen wachhalten und neue Formen der Erzählung entwickeln, die verhindern, dass sie im Schrank der vielen historischen Gräueltaten abgestellt werden. Auch der Faschismus ist nicht aus dem Nichts entstanden. Der Zeitgeist, der diesen Alptraum hervorgebracht hat, hat seine Wurzeln und Erklärungen.

Das alles schulden wir jenen, die hier gequält und umgebracht wurden und jenen; die diesen Alptraum gerade noch überlebt haben und mit ihren Erinnerungen zu kämpfen haben. Ich denke diese Forderung an uns selbst ist nicht zu viel verlangt, und zwar nicht nur heute, wo Gedenken und Verantwortung so unmittelbar präsent sind, sondern auch morgen, wenn der Alltag wieder zur Relativierung verleitet.

                                          

Jubiläumsgedenkfeier 2025 am Samstag, 28. Juni 2025 um 18 Uhr

an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon (Moosachstraße)

Grußadressen von Bgm. Valentin David (St. Pantaleon) und anderen
Rede: Dr. Ludwig Laher, Verein Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel
Hauptgedenkrede: Dr. Rudolf Scholten, BM für Wissenschaft, Unterricht und Kunst a. D.

Kranzniederlegung
Musikalische Umrahmung: Demokratischer Chor Braunau mit Ausschnitten der Mauthausen-Kantate von Mikis Theodorakis

Anschließend in der Aula der Mittelschule St. Pantaleon, Am Kuglberg 12

Ein Blick zurück: 25 Jahre Verein Erinnerungsstätte
Zu den vielfältigen Aktivitäten des Vereins zählen u.a. die Gedenkarbeit, die Forschung zu den beiden NS-Lagern am Ort, Stolpersteininitiativen zu Lageropfern überall im Land, Kontakte zu den Nachfahren der Opfer, Führungen, Publikationen, Medienarbeit, Veranstaltungen usw. Davon wird ein kurzer Querschnitt, medial aufbereitet, in Erinnerung gerufen.

Gespräch::
Zeichen an der Wand. Die Bedeutung regionaler Erinnerungsarbeit vor dem Hintergrund des erstarkenden Rechtsextremismus

(mit BM a. D. Dr. Rudolf Scholten, Dr. Ludwig Laher, Univ.-Prof. Dr. Karl Müller u. a.)

Durch das Programm führt Martina Fischer vom Vorstand des VELWI. Test

Das gesamte Jubiläumsprogramm (PDF):

 

Gedenkfeier 2024 am Freitag, 27. September um 18 Uhr

Einladung zur 25. Gedenkfeier für die Opfer der beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon
am Freitag, 27. September 2024 um 18 Uhr an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon, Moosachstraße

Heuer findet die Gedenkfeier ausnahmsweise an einem Freitag statt, und zwar am 27. September. Wie gewohnt beginnen wir an der Erinnerungsstätte um 18 Uhr mit dem eigentlichen Gedenken. Die anschließende Veranstaltung in der Mittelschule steht unter dem Generalthema public history/Gedenkkultur. Der Historiker Robert Obermair von der Universität Salzburg wird einen allgemeinen Überblick geben, die präsentierten Gemälde von Roland Wimmer (großformatige Bilder von Opfern nach Vorlagen der Fotos aus dem Lager) sind konkrete Beispiele, auf die auch Robert Obermair eingehen wird. Ein Gespräch zwischen dem Historiker, dem Künstler, Vorstandsmitglied David Mehlhart und dem Publikum beschließt den Abend.

 

Gedenkfeier 2023 am Samstag, 30. September um 18 Uhr

Einladung zur 24. Gedenkfeier für die Opfer der beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon
am Samstag, 30. September 2023 um 18 Uhr an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon, Moosachstraße

Gäste sind diesmal der ehemalige Abgeordnete zum Nationalrat und engagierte Antifaschist Karl Öllinger, der die Rede an der Erinnerungsstätte halten wird, sowie der Linzer Stadtpolizeikommandant Brigadier Karl Pogutter, der anschließend im Gemeindeamt St. Pantaleon zu einem spannenden Thema referieren wird. Dabei geht es am Beispiel Linz um die unter dem Begriff „minder belastet“ in den österreichischen Polizeidienst übernommenen Gestapo-Beamten der NS-Herrschaft.

Eines der beiden Lager in Weyer-St. Pantaleon, das „Zigeuneranhaltelager“, wurde übrigens von der Kriminalpolizei Linz geleitet. Die männlichen Insassen mussten als Zwangsarbeiter tätig sein, es gab Tote, auch zwei kleine Kinder starben in Weyer, und über 300 Inhaftierte wurden von der Kripo zur Vernichtung ins besetzte Polen überstellt.

Eine Podiumsdiskussion, bei der auch die aktuelle Frage angesprochen werden soll, ob es eine gute Idee ist, Hitlers Geburtshaus für die Polizei zu adaptieren, beschließt den Abend.

Auf zahlreiche Teilnahme hofft der Verein Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel (VELWI)

 

Gedenkfeier 2022 am Samstag, 24. September um 18 Uhr

Einladung zur 23. Gedenkfeier
für die Opfer der beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon
am Samstag, 24. September 2022 um 18 Uhr
an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon, Moosachstraße und anschließend im Gemeindeamt, Pantaleoner Straße 25

Peter Nestler und Dieter Reifarth haben mit „Der offene Blick“ einen präzisen, angenehm unmodernen Fernsehfilm für ZDF/3Sat geschaffen. Es geht darin mit einem Österreichschwerpunkt um Roma und Sinti, um Vergangenheit und Gegenwart, um künstlerische Leistungen in verschiedenen Disziplinen und etliches mehr.
Das Zigeuneranhaltelager Weyer spielt im Film eine bedeutende Rolle und ist etwa zwanzig Minuten Thema. Die Farbfotos der bald darauf Ermordeten wurden mit großer Akribie digital restauriert und verstärken die Wirkung des Vortrags von Gitta Martl neben dem „Zigeunerhaus“ von Hochburg-Ach. Martl hat zu den einzelnen Bildern poetische Textminiaturen geschaffen, die in ihrem Buch „Bleib stark“ abgedruckt sind. Die Enkelin eines Opfers von Weyer bzw. Łódź, unserem Verein lange intensiv verbunden, war mit diesem Buch bei einer früheren Gedenkfeier zu Gast.
Neben Hochburg-Ach, St. Pantaleon und Haigermoos ist auch das Ibmer Moor, das bekanntlich von den Opfern des Lagers trockengelegt werden sollte, prominent vertreten. Ludwig Laher erläutert dort wesentliche Zusammenhänge. Der Film, im Sommer erstmals ausgestrahlt, wird im Anschluss an die Gedenkfeier an der Erinnerungsstätte zu sehen sein. Co-Regisseur Dieter Reifarth wird ihn präsentieren und dann für ein Gespräch zur Verfügung stehen.

https://www.3sat.de/film/dokumentarfilmzeit/der-offene-blick---kuenstlerinnen-und-kuenstler-der---sinti-und-roma-100.html

Gedenkfeier 2021 am Samstag, 2. Oktober um 18 Uhr

 

Die Gedenkfeier 2021 wird, wenn kein behördliches Veranstaltungsverbot erfolgt, am Samstag, 2. Oktober 2021 um 18 Uhr im Rahmen der dann gültigen Coronavorkehrungen an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon in der Moosachstraße beginnen. Gäste bei der anschließenden Veranstaltung, diesmal in der Musikschule, sind die Journalistin und Roma-Aktivistin Gilda Horvath, die über Initiativen einer jüngeren Generation von Sinti und Roma für die Volksgruppe berichten wird, sowie Mitglieder der Familie Bogner, deren Vorfahren hier interniert waren. Die Enkelin eines von ganz wenigen im Lager eingesperrten Kleinkindern, das überlebte, Nicole Lubinger ist Sängerin und wird die Veranstaltung musikalisch umrahmen. Damit wird ein im Vorjahr ausgefallener Programmpunkt nachgeholt werden.

ACHTUNG: Für den zweiten Teil des Abends in der Musikschule ist unbedingt eine Voranmeldung nötig (beschränktes Platzangebot): office@lager-weyer.at

 

Jubiläumsgedenkfeier 2020 am Sonntag, 4. Oktober um 18 Uhr

Vor 20 Jahren, im Sommer 2000, wurde die Erinnerungsstätte für die Opfer der beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon an der heutigen Moosachstraße eröffnet. Sie ist längst zu einem weithin bekannten, jedes Jahr von vielen absichtlich oder zufällig Vorbeikommenden besuchten Gedenkort geworden. Die Anlage mit der beeindruckenden Figurengruppe des deutschen Bildhauers Dieter Schmidt im Zentrum steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

Die Jubiläumsgedenkfeier am Sonntag, 4. Oktober 2020 beginnt um 18 Uhr und wird mehr Programmpunkte als in anderen Jahren umfassen:

20 Jahre Erinnerungsstätte St. Pantaleon

Jubiläumsgedenkfeier am 4. Oktober 2020

Programm

18 Uhr Gedenkfeier und Kranzniederlegung an der Erinnerungsstätte in der Moosachstraße

Grußadressen:
Valentin David, Bürgermeister St. Pantaleon
Ferdinand Tiefnig, Landtagsabgeordneter

Reden:
Willi Mernyi, Vorsitzender Mauthausen Komitee Österreich
Mercedes Echerer, Schauspielerin

Musikalische Umrahmung:
Matthias Aichinger
Alfred Aichinger
Erwin Hörl

Anschließend (ca. 18.45 Uhr)

Veranstaltung in der Mittelschule St. Pantaleon

Kurzabriss der Geschichte der Gedenkarbeit um die beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon

Bürgermeistergesprächsrunde
Valentin David (St. Pantaleon)
Johann Prillhofer (Neukirchen an der Enknach)
Franz Saxinger (Kollerschlag)

Wie gehen engagierte Gemeinden mit der Erinnerung an Opfer der Lager Weyer um? Welche Initiativen haben sie gesetzt? Was ist ihnen, auch im Hinblick auf die Zukunft, wichtig?

Erstpräsentation und Lesung
Ludwig Laher:
Schauplatzwunden. Über zwölf ungewollt verknüpfte Leben

Dieses Buch porträtiert Opfer, Täter und anderweitig von den Ereignissen rund um die Lager Weyer nachhaltig Betroffene. Daraus entsteht ein breites Panorama aus Willkür, Ohnmacht, verbrecherischer Energie, roher Gewalt, politischem Kalkül, aber auch absurder, oft lebensentscheidender Zufälle.
(http://www.czernin-verlag.com/buch/schauplatzwunden)

Musikalische Umrahmung:
Nicole Lubinger, Sopran
Andrea Szewieczek, Klavier

Nicole Lubinger ist die Enkelin eines Babys, das mit den Eltern und einer Schwester im Lager Weyer interniert war. Familie Bogner ist als einzige Anfang November 1941 nicht zur Vernichtung ins besetzte Polen deportiert worden. Frau Lubingers Urgroßvater Johann Bogner, der auf der Flucht aus einem Außenlager des KZ Buchenwald kurz vor Kriegsende umkam, ist eine der zwölf Lebensgeschichten in „Schauplatzwunden“ gewidmet.
Seine Tochter Brigitta wird mit ihrer Enkelin am 4. Oktober nach Sankt Pantaleon kommen.

 

Herzliche Einladung zur 20. Gedenkfeier

für die Opfer der beiden NS-Lager Weyer-St. Pantaleon
am Samstag, 5. Oktober 2019 um 18 Uhr
an der Erinnerungsstätte in der Moosachstraße, St. Pantaleon

Bei der Kranzniederlegung am Mahnmal wird heuer Oberösterreichs Umwelt- und Integrationslandesrat Rudi Anschober Hauptredner sein. Für die anschließende Veranstaltung im Gemeindeamt St. Pantaleon konnte der Verein Erinnerungsstätte bereits zum zweiten Mal die Enkelin eines von Hunderten aus Weyer ins besetzte Polen deportierten und dort ermordeten NS-Opfers aus Hochburg-Ach gewinnen. Rosa Gitta Martl erhielt 2019 den Roma-a-Literaturpreis des österreichischen PEN. In ihrem neuen Buch ‚Bleib stark‘ (Löcker) finden sich unter anderem berührende Texte zu und Originalbilder aus dem Lager Weyer. Nach der Lesung stehen Frau Martl und Herr Anschober noch für ein Gespräch zur Verfügung.

Rosa Gitta Martl, langjährige Geschäftsführerin des Vereins Ketani für Sinti und Roma, ist auch bildende Künstlerin. Der Umschlag von 'Bleib stark' zeigt einen Ausschnitt ihres Gemäldes 'Abendrast auf der Reise'.

 

 

Renate Welshs Rede bei der Gedenkfeier 2018

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Tatsache, dass Sie heute hier sind, ist für mich schon ein Beweis für Gemeinsamkeiten zwischen uns, und auf dieser Basis erlaube ich mir, mit meinem Großvater anzufangen. Schon in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat er immer wieder gewarnt: „Hört euch doch an, wie dieser Hitler mit der Sprache umgeht! Früher oder später wird er mit Menschen auch nicht anders umgehen.“
Ich bin überzeugt, dass wir nicht achtsam genug sein können in unserem Umgang mit der Sprache. Es ist weder romantisch noch idealistisch, sondern ganz im Gegenteil realistisch zu behaupten, dass Sprache einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Gestaltung der Wirklichkeit liefert.
Wie wir Dinge benennen beeinflusst sehr direkt, wie wir sie beurteilen. Wenn zum Beispiel nie mehr von „Flucht“ die Rede ist sondern nur von „illegaler Migration“, wird das Errichten von Mauern nicht nur eine Frage der Selbstverteidigung sondern moralische Pflicht.
Sprache erzeugt Wirklichkeit, und die Wirklichkeit erzeugt wiederum eine eigene Sprache. Diese Wechselbeziehung hat es immer schon gegeben, sie ist nur meiner Meinung nach komplizierter geworden. Ohnmacht war immer auch sprachlos, und der Kampf gegen Sprachlosigkeit war eine der wichtigsten Fronten in der Selbstermächtigung des Menschen, die ja die Voraussetzung der Demokratie ist. Denken und Sprache stehen in einer sehr innigen Wechselbeziehung. Es ist banal geworden, darauf hinzuweisen, dass man darüber schweigen muss, worüber man nicht sprechen kann. Allzu oft wird gerade darüber, worüber man nicht denken kann - oder will - besonders laut und großspurig geredet. Ich glaube, es gibt auch eine geschwätzige Sprachlosigkeit, und eine, die sich tönender Phrasen bedient, ohne sie auf ihren Inhalt abzuklopfen. Diese Form halte ich für besonders gefährlich, weil sie oft sogar den Sprecher dazu verführt, sich selbst zu glauben, und sein Publikum erst recht, das ihn dann für besonders kompetent hält.
Im Übrigen kann auch Expertenjargon Sprachlosigkeit erzeugen, weil er alle ausschließt, die nicht dem immer enger gefaßten Fachbereich angehören. Das ist umso bedrohlicher, als ja längst keine existentiellen Fragen innerhalb eines einzelnen Fachgebietes gelöst werden können, sondern dort, wo sich die Fächer überschneiden, wo also auch jeder Experte, jede Expertin, in einem fremden Bereich Mitverantwortung übernehmen muss. In der Politik wird immer wieder auf Experten verwiesen, als seien ihre Stellungnahmen völlig objektiv und frei von jeder persönlichen Meinung oder Färbung durch eine Weltanschauung oder Eigeninteressen, was denkunmöglich ist. Auch ist ihr Expertentum notwendigerweise auf einen bestimmten Ausschnitt des anliegenden Problems beschränkt.
Der Gemeindearzt Dr. Straffner, Oberstaatsanwalt Dr. Neuwirth in Ludwig Lahers dokumentarischem Roman „Herzfleischentartung“ waren keine Helden , die sich anmaßten, den Gang der Geschichte zu ändern, sie versuchten nur, innerhalb ihres Aufgabenbereichs so etwas wie Ordnung zu schaffen im Gegensatz zu den Wächtern im Lager, die Fleißaufgaben an sadistischer Brutalität erfüllten und dennoch überzeugt waren, als kleine Rädchen nur ihre Pflicht getan zu haben. Diese „Verantwortung“ wurde ihnen ja auch durchaus nach dem Ende des Krieges abgenommen, weil die Frage der Verantwortung damals noch nicht ins Konzept des mit dem Wiederaufbau beschäftigten Landes passte.
Über „Verantwortung“ könnte, müsste man stundenlang nachdenken. Verantwortung reicht ganz gewiss weiter, als man gemeinhin annimmt, weil man aus Angst die eigenen Grenzen zu eng zieht. Ich glaube, dass Verständnis und Empathie gute Koordinaten zur Orientierung sind.
„Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“, war ein Satz, den ich einfach nicht aus dem Kopf löschen könnte. Eine gefährliche Drohung, eine Absage an Grundwerte. Das Schrecklichste ist, dass man Gefahr läuft, sich daran zu gewöhnen, dass einem nicht bewusst wird, was da geschrieben, behauptet wird, wenn man nicht genau genug hinhört, hinschaut.
Ein sehr banales Beispiel: erinnern Sie sich, wann sie zum ersten Mal den Satz gehört haben: „Da muss man Geld in die Hand nehmen“? Ich bin überzeugt, ihn erst gehört zu haben, als die Zeit längst vorbei war, in der irgendeine größere Summe in real existierenden Banknoten und Münzen bezahlt wurde, die irgendjemand in noch so große Hände nehmen konnte. Er kam in Mode, als größere Beträge ausschließlich transferiert wurden. Aber die Phrase suggeriert einen Wohltäter, der aus der eigenen Tasche mehr spendet, als er sich eigentlich leisten kann. Und das in Zeiten, in denen Sozialabbau für einen Beweis wirtschaftlicher Kompetenz gilt.
Wegschauen, weghören, sich nicht für zuständig halten, hat eine sehr gefestigte Tradition in unserem Land. Notwendig ist aber genaues Hinschauen, geduldiges Zuhören, Sich-Einmischen. Dabei kann die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, besonders mit der Vergangenheit der eigenen Familie, der unmittelbaren Umgebung, eine Hilfe sein. Manche Konturen schärfen sich, wenn wir sie aus zeitlichem Abstand betrachten.
Die Erinnerungsstätte Lager Weyer ist nicht nur Mahnmal für die Opfer, sondern auch Mahnmal für die Zukunft, Erinnerung an eine Verantwortung, die nicht getilgt werden kann. Es war Teil der Politik des 3. Reiches, Menschen nicht nur ihre Würde und ihr Leben zu nehmen sondern sie auch für alle Zeit aus dem Gedächtnis zu streichen. Stolpern über Namen kann wachrütteln, Anstoß zum Nachdenken Nachfühlen und Erinnern sein.

Gedenkfeier 2018 am Samstag, 6. Oktober -

Im Anschluss Lesung und Gespräch mit Renate Welsh

Die neunzehnte Gedenkfeier an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon (Moosachstraße) findet am Samstag, den 6. Oktober 2018, um 18 Uhr statt. Die international bekannte österreichische Schriftstellerin Renate Welsh, eine Zeitzeugin, wird heuer bei uns zu Gast sein und im Anschluss an das Opfergedenken im Gemeindeamt aus ihren Werken lesen.

Das Buch "In die Waagschale geworfen", in den 80er Jahren erstmals veröffentlicht, stellt Menschen im Widerstand gegen die NS-Diktaur in den Mittelpunkt, auch solche, die sich selbst gar nicht als Widerständler begriffen, sondern lediglich selbstverständlichen Anstand zeigten, was freilich nicht selten bereits genügte, um eingesperrt oder gar hingerichtet zu werden.

Im berührenden Roman 'Die schöne Aussicht', dem zweiten Buch, aus dem Renate Welsh lesen wird, schildert die Autorin das lange Leben ihrer Protagonistin Rosa, einer an sich völlig unspektakulären einfachen Frau, vor dem Hintergrund des bewegten 20. Jahrhunderts. Dass die dunklen Zeiten in dessen Mitte da nicht ausgespart bleiben, versteht sich von selbst.

 

Gedenkfeier 2017 am Samstag, 7. Oktober -

Im Anschluss Film: Linie 41 - Dokumentarfilm von Tanja Cummings

Die achtzehnte Gedenkfeier an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon (Moosachstraße) findet am Samstag, den 7. Oktober 2017, um 18 Uhr statt. Im Anschluss wird im Gemeindeamt der 2015 entstandene Film 'Linie 41' von Tanja Cummings gezeigt werden. Die Dokumentation über das Ghetto in Litzmannstadt (Łódź), in welchem auch ca. 300 Deportierte aus St. Pantaleon-Weyer starben, konzentriert sich auf die Opferbiographie Natan Grossmanns sowie auf die Geschichte des Sohnes von NS-Bürgermeister Werner Ventzki Jens-Jürgen, der schon einmal in St. Pantaleon zu Gast war, um sein Buch zu diesem Thema vorzustellen.

Wenngleich in diesem Film das (viel größere) Judenghetto zentrales Thema ist, so ermöglicht er doch eine sinnliche Begegnung mit jenem Schreckensort, in dem kurze Zeit auch das Zigeunerghetto existierte, die letzte Station für viele in Weyer Inhaftierte. http://www.linie41-film.net/

Jens-Jürgen Ventzki wird an der Filmvorführung teilenehmen und anschließend für ein Gespräch zur Verfügung stehen.

 

Gedenkfeier 2016 am Samstag, 15. Oktober -

Im Anschluss politisches Kabarett von Thomas Maurer: Der Tolerator

Thomas MaurerDie siebzehnte Gedenkfeier an der Erinnerungsstätte St. Pantaleon (Moosachstraße) findet am Samstag, den 15. Oktober 2016, um 18 Uhr statt. Im Anschluss besteht um 18.45 Uhr die Möglichkeit, gemeinsam die neu verlegten Stolpersteine auf dem ehemaligen Lagergelände (siehe unten) in Weyer zu besuchen. Um 20 Uhr veranstaltet der VELWI gemeinsam mit FAIRnetzung und SAKOG / KULTURWERK / CLUB als bewussten Kontrast und Kommentar zur aktuellen Befindlichkeit der Republik einen Kabarettabend mit Thomas Maurer: Der Tolerator.

Es gibt ja so viel, das man tolerieren kann: Religionen und politische Überzeugungen, Laktose und Gluten, Kleidermotten und Volks-Rock’n’Roll. Obendrein macht man damit die Welt besser. Und kann manches lernen: Etwa wo die eigene Toleranzgrenze liegt. 

Der Abend beginnt um 20 Uhr. Ort: Mehrzweckhalle Riedersbach, Quellenweg 1. Karten sind u.a. bei Ö Ticket zu beziehen.

Stolpersteine in Weyer endlich würdig verlegt

Fünf Jahre nach der Verlegung von acht durch den VELWI finanzierten Stolpersteinen mitten auf einer Straßenkreuzung in Weyer ist es gelungen, diese kleine Gedenkstätte würdiger zu platzieren. Eine Komplettsanierung und teilweise Neutrassierung der Straße machte es möglich, die symbolischen Stolpersteine für im Lager geborene und/oder gestorbene Kinder sowie für Babys, die im Lager geboren und nach der Deportation im besetzten Polen ermordet wurden, auf einer neu gestalteten Abgrenzfläche zwischen der Straße und dem ehemaligen Terrorgelände zu situieren.

Stolpersteine neu 2016

(Foto: Inge Widauer)

Opfer Ludwig Steffl in Tschechien gewürdigt

Der Bauer Ludwig Steffl aus Kirchschlag im Sudetenland (damals zwangsweise in den Reichsgau Oberdonau eingegliedert, heute Světlík in der Tschechischen Republik) war einer der Häftlinge im Arbeitserziehungslager Weyer. Zu Ludwig Steffl haben AktivistInnen aus Tschechien neuerdings reiches Material, vor allem auch Privatfotos, zusammengetragen und es mit ausführlichen Hinweisen zum Roman ‘Herzfleischentartung’ von Ludwig Laher auf http://www.kohoutikriz.org/priloha/laher.php publiziert. Ludwig Steffl hat Weyer zwar überlebt, ist aber kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der Lagerhaft gestorben. Sein Grab findet sich noch heute auf dem Ortsfriedhof. Seine Verwandten waren als Opfer des Faschismus von der Vertreibung nach dem Krieg ausgenommen.

Ausstellungen informieren über Weyer

Der Verein Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel (VELWI) wurde 2015 von den Landesmuseen Oberösterreich um eine Kooperation für die Ausstellung ‚Befreit und besetzt. Oberösterreich 1945 – 1955‘ im Schlossmuseum Linz gebeten.

Der VELWI stellte dafür Fotos, Exponate und Textmaterial (siehe Bild rechts) zur Verfügung. In ausführlichen Ausschnitten wurde auch Ludwig Lahers Film ‚Ketani heißt miteinander‘ präsentiert, in welchem die Geschehnisse um das Lager Weyer eine zentrale Rolle spielen.

Auch das Museum Arbeitswelt in Steyr hat sich mit der Biite um Unterstützung für eine 2016 geplante Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit an den VELWI gewandt. Die Opfer des Lagers Weyer werden in diesem Zusammenhang auch durch einen Fotobeitrag präsent sein.

(Foto: Ludwig Laher)

 

 

Nachlese Gedenkfeier 2015

Die inhaltliche Veranstaltung nach der Jahresgedenkfeier am 17. Oktober 2015 wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein FAIRnetzung von in Ostermiething untergebrachten Kriegsflüchtlingen gestaltet. Unter dem Titel ‚Letzter Ausweg: Flucht vor der Barbarei‘ wurde das Publikum mit Musik- und PowerPoint-Unterstützung über persönliche Fluchtgeschichten und ihre Gründe informiert. Nach den berührenden Ausführungen wurde noch intensiv diskutiert. Dem Abend ging am 12. September ein Nachmittag im Pfarrheim Ostermiething voraus, an dem der VELWI die Asylwerber aus Syrien und Afghanistan mit den schrecklichen Ereignissen am Ort während der NS-Herrschaft vertraut machte. Im Anschluss fand eine Fahrt zu verschiedenen Schauplätzen statt.

Vom Bürgermeister in den Tod geschickt

Josef Mayers Martyrium im Lager Weyer Teil einer Zeitgeschichteausstellung seiner Heimatgemeinde Neukirchen an der Enknach

Von 12. Juni bis 15. August 2015 findet in Neukirchen an der Enknach eine verdienstvolle Ausstellung über die lokale Zeitgeschichte statt, die von Karl Schmitzberger und einer Gruppe engagierter MitstreiterInnen zusammengestellt wurde. Einen wesentlichen Platz nimmt dabei das von Ludwig Laher recherchierte Schicksal Josef Mayers ein, der im Lager Weyer brutal zu Tode gefoltert wurde (Button 'Opfergeschichten').

Historische Themenfahrt mit der Lokalbahn: Wegen des großen Erfolges auch 2014 wieder

Termin: Samstag, 20. September 2014

In Kooperation mit der Salzburger Lokalbahn hat der Verein Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel 2012 ein Projekt auf den Weg gebracht, das dazu dienen soll, die Erinnerungsstätte einem breiteren Kreis möglicher Interessenten nahezubringen. Tatsächlich brachten die Nostalgiefahrten 2013 ein äußerst gemischtes Publikum nach St.Pantaleon. Die Führungen verliefen erfolgreich, und deshalb wird auch 2014 am 20. September ein Nostalgiesonderzug von Salzburg nach St.Pantaleon verkehren, der schon zu Zeiten der Lager in Dienst stand. In St.Pantaleon beginnt eine mehrstündige Führung zu mehreren Schauplätzen der mit den beiden Lagern Weyer verbundenen Ereignisse. Im „Scharzen Adler“, dem auf dem Lagergelände wiedereröffneten Gasthaus von Weyer, wird es eine Jause geben, bevor von Trimmelkam aus die Rückreise angetreten werden wird.

Abfahrt: 13.15 Uhr Lokalbahnhof Salzburg

Ankunft: 20 Uhr Lokalbahnhof Salzburg

Preis (inkl. Fahrt, Führung, Farbbroschüre, Jause und Getränk) 19€, Kinder bis 14 9€

Anmeldungen bitte direkt bei den SLB vornehmen: slb-nostalgie@salzburg-ag.at oder Tel.:+43/662/4480 – 1500


Stolpersteine in Weyer verlegt.

Gemeinde Haigermoos und der Verein Erinnerungsstätte kooperieren

Nach Jahren schwieriger Verhandlungen ist es im Juli 2011 endlich gelungen, auch in der Gemeinde Haigermoos, wo das Lager Weyer situiert war, einen Gedenkort zu schaffen. Haigermoos wurde während der NS-Zeit St.Pantaleon angegliedert und zeigte sich lange reserviert, ein Zeichen der Erinnerung zu setzen. Direkt neben dem ehemaligen Lagergelände verweisen nun acht Stolpersteine auf die schrecklichen Geschehnisse. Zwei erläutern kurz allgemein, was hier passierte, sechs sind, stellvertretend für Hunderte Opfer, kleinen Kindern gewidmet, die in Weyer starben oder geboren wurden und später im besetzten Polen gewaltsam zu Tode kamen.

Der deutsche Künstler Gunter Demnig (links im Bild) hat mittlerweile über 30000 Stolpersteine in vielen Ländern Europas verlegt. Allein in der Stadt Salzburg erinnern fast 100 an ermordete Mitbürgerinnen und Mitbürger. Weiters im Bild (von links): Hermann Widauer und Ludwig Laher vom Verein Erinnerungsstätte sowie der Haigermooser Bürgermeister Johann Schwankner. Im Hintergrund die Pfarrkirche Haigermoos.

(Fotos: Inge Widauer)

Neue Informationstafel an der Straßenseite der Erinnerungsstätte

Land Oberösterreich und Gemeinde St.Pantaleon finanzieren nötige Ergänzung

(Foto: Ludwig Laher)

Anläßlich des 10-jährigen Bestehens der Erinnerungsstätte für die beiden Lager Weyer gestaltete der Verein Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel (VELWI) den Zugangsbereich zum Gedenkort neu. Auf einem Gehsteig aus Katzenkopfpflaster kann man nun, ohne auf den Verkehr achten zu müssen, einer Stahltafel, die ein wenig an ein geöffnetes Buch erinnert, die wichtigsten Informationen über die Geschehnisse der Jahre 1940 bis 1941 entnehmen. Das Land Oberösterreich sowie die Gemeinde St.Pantaleon unterstützten das Vorhaben finanziell.

 

Jubiläumsedition Druckgraphik

Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Erinnerungsstätte stellt die in Frankreich lebende Künstlerin Elfi Guida-Stangassinger dem Verein Erinnerungsstätte Lager Weyer/Innviertel ein Aquatinta-Blatt auf Büttenpapier (20x20 cm) zur Verfügung, das einen Ausschnitt der Skulptur einer Gruppe Gebundener auf dem Denkmal von Dieter Schmidt zeigt (vgl. Button Home). Die Auflage beträgt 30 Stück, Exemplare können zum Preis von 50 Euro ab sofort beim Verein (office@lager-weyer.at) bestellt werden. Die Auslieferung erfolgt in der zweiten Oktoberhälfte 2010.